Gedanken zum Sonntag

Gedanken zum Sonntagsevangelium von Harald Müller

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Kommentare zum Evangelium für jeden Sonntag ab Dreifaltigkeit
Evangeliumskommentare ab Dreifaltigkeits
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Vorwort und archivierte Kommentare

Unter Homiletik versteht man die Kunst des Umgangs mit den Mitmenschen. Wenn unter zweien oder mehreren nur einer aktiv sein darf, und alle andren passiv sein müssen, ist es wahrlich eine Kunst, so viel zu geben, dass alle andren zumindest zu hoher geistiger Aktivität angeregt werden, wenn sie schon nicht mitsprechen dürfen.

 

Die folgenden Beispiele sind zwar „ non praedicato“, weil wir unter „praedocato“ (Predigt) die Rede im Rahmen einer religiösen Feier verstehen.

 

In meiner Tätigkeit als jener, der die Messgesänge mit seinem Orgelspiel begleitet; meist auch übertönt, habe ich, da ich in dieser Funktion nicht geistig an der heiligen Handlung teilnehmen kann, die Möglichkeit, die Teilnehmer der Messe während meiner „dienstfreien Zeit“, ausreichend zu beobachten; besonders während der Predigt von Priester oder Diakon.

 

Spätestens nach drei Minuten kehrt Langeweile bei den Zuhörern ein. Sie schauen sich im Kirchenraum um, führen leise Gespräche mit den Nachbarn, blättern im Gebetbuch oder starren sichtbar geistig abwesend Löcher in die Luft.

 

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die praedicato immer einen kaum machbaren Spagat darstellen muss; zu diffizil sind die Bedürfnisse, die religiösen Kenntnisse oder Anschauungen und die kognitiven Fähigkeiten der „Zuhörer“. Was eine gute Predigt meiner Meinung nach ausmacht, ist dass sie geistige Reaktionen auslöst. In der Musik spricht man von einem Ohrwurm, einer Melodie, die man nicht aus seinem Kopf heraus bekommt. Dazu muss eine Predigt auch ein gewisses Maß an Provokation beinhalten, dennoch darf die Dosis nicht zu hoch sein. Um dies zu veranschaulichen, möchte ich in diesem Vorwort zwei Predigten gegenüberstellen.

 

Ein Priester geht in seiner Predigt zu Weihnachten auf das Evangelium ein. Er erzählt davon, wie die Jungfrau Maria Jesus geboren hatte, ohne anzumerken, wie das möglich sei, dass eine Frau ohne Verletzung ihrer Jungfernschaft gebiert. Er berichtet von den Sterndeutern und vom bösen Herodes, der sie zur Flucht zwingt. Natürlich schmückt er die ganze Sache künstlerisch aus und endet mit einem Lobpreis auf Gott, der dies alles möglich gemacht hat. Es ist eine wunderschöne Predigt. Die Schäfchen horchen andächtig zu, obwohl sie diese Geschichte schon oft und oft gehört haben. In ihren Köpfen laufen die biblischen Szenen wie in einem kitschigen US-Film ab. Alle sind zufrieden. Doch hat es ihnen etwas gebracht, eine geistige Weiterentwicklung, ein Nachdenken über den biblischen Text, der beinahe zweitausend Jahre alt ist.

 

Ein andrer Priester predigt zum selben Thema folgendes: Liebe Pfarrgemeinde! Wie oft haben Sie dieses Evangelium schon gehört? Wussten Sie, dass der Schreiber des Markusevangeliums, etwa 40 Jahre nach Jesu Tod, also fast 70 Jahre nach Jesu Geburt, diese mit keinem Wort erwähnt? Was wollte Matthäus mit dem Bericht von Jesu Geburt? (Nach so vielen Fragen rotiert es in den Köpfen der Zuhörer und sie fragen sich, worauf der Priester hinaus will.) Matthäus hält sich sehr an die Darstellung des Markus, doch er wollte aus freien Stücken mit dem Anfang Jesu Lebens beginnen; das Markusevangelium vervollständigen, was doch logisch ist. Die junge Frau, Maria, bekommt also ein Kind. Die Umstände sind nicht zu verstehen, doch darum geht es dem Schreiber gar nicht. Was der Evangelist uns sagen will ist, dass sein Herr Jesus für ihn etwas ganz Besonderes ist. Die Einzigartigkeit dieses Jesus soll hinter den Zeilen zum Ausdruck kommen. Und der Evangelist möchte seine Auffassung von der Besonderheit Jesu von weisen Leuten, den Sterndeutern, legitimieren lassen, wenn er sie fragen lässt, wo der neugeborene König der Juden sei. Doch er setzt noch eins drauf. Sie bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe. Es ist kein Schaf oder ein Kinderbettchen, kein Kinderkleidchen oder ein warmes Fell. Nein, es sind diese Dinge, und die sind symbolisch zu verstehen. Gold, Weihrauch und Myrrhe sind Heilmittel. Gold verstärkt die Reparaturfähigkeit der Zellen, Weihrauch und Myrrhe wirken antibakteriell und desinfizieren. Matthäus wählt genau diese drei Substanzen. Vielleicht will er damit auf die kommende Funktion dieses Jesus hinweisen; ein Heiler, ein Heiland. Schließlich lässt der Evangelist den Herodes eifersüchtig werden und schafft so einen Gegenpol zu Heiland, nämlich den Vernichter. Das Gute muss fliehen, aber es kehrt als Sieger zurück. Den Bösen zerfressen Würmer bei lebendigem Leib. Auch die Israeliten kamen als Sieger aus Ägypten in ihr gelobtes Land. Der Evangelist, der erst im Jahre 80 seine Schrift abzufassen begonnen hat; hatte er damals wirklich Kenntnis von Jesu Geburt? Wenn wir annehmen, dass Maria etwa 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein wird, als sie gebar – und das war im Jahre 6 vor unsrer Zeitrechnung; wir zählen ja von 0 weg, obwohl Jesus ungefähr sechs Jahre früher zur Welt gekommen ist - dann müsste die Mutter Jesu damals nahezu 100 Jahre alt gewesen sein, als der Evangelist an seiner Frohbotschaft schrieb. Josef als Berichterstatter fällt überhaupt aus. Also waren es Geschichten, die von einer Generation auf die andre weitergegeben wurden, von denen keiner mehr sagen konnte, ob sie wahr oder falsch seien. So müssen wir die Geburt Jesu in den Mythenschatz der Menschheit einordnen. Seien wir dankbar und froh, dass wir diesen Mythos haben, der uns ein Weihnachtsfest mit leuchtenden Kinderaugen und einem hoffentlich fröhlichen Gemüt vieler Christen beschert hat.

 

Hat der zweite Priester seine Zuhörer aus einer Illusion geholt, oder hat er ihnen die Freiheit gelassen, sich weiterhin mit Freude ihrem Mythos hinzugeben?

 

Die Bibel birgt einen wahren Weisheitsschatz, den in seinem Umfang kein einziges Buch auf diesem Planeten übertrifft. Doch müssen wir beim Lesen immer auf den Subtext achten, also darauf schauen, was sich hinter den Zeilen verbirgt. Genau das ist es, was mich als theologischen Laien bewogen hat, Evangeliumskommentare aufzuschreiben. Vielleicht ist es gerade von Vorteil, dass ich nicht gebildet, von einer dogmatischen Lehre nicht verformt bin. Zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich auf das Folgende keinerlei Wahrheitsanspruch stelle: Es ist meine Wahrheit.