Gedanken zum Sonntag

Gedanken zum Sonntagsevangelium von Harald Müller

5. Fastensonntag - Passionssonntag

Joh 12, 20-33

 

Auch einige Griechen waren anwesend – sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten. Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.

 

Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde! Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das Hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu im geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle an mich ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

 

 

 

Das sind schwierige Johannesworte, und es drängen sich mehrere Fragen auf. Was heißt verherrlicht? Hat Jesus Angst, weil er sein Ende kommen spürt? Was bedeutet: Sein Leben gering achten? Sollen wir Diener Jesu sein? Zu viele Fragen, um alle gründlich beantworten zu können. Daher nur einige Gedanken über die „Verherrlichung“.

 

 

 

Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Jesus soll also glorifiziert werden. Was verlangt er da? Die griechischen Denker definierten „verherrlichen“ so, dass sämtliche negative Aspekte aus der Vergangenheit, der Gegenwart und auch der Zukunft in positive verwandelt werden. Verherrlichen kann also nur Gott. Wenn ein Sterbender betet: Gott im Himmel verherrliche mich, so bittet er um die Gnade der Vergebung und nicht um das Hervorheben seiner Person. So passt auch der ängstliche Ruf Jesu Vater, rette mich aus dieser Stunde! dazu.

 

 

 

Wir Menschen neigen alle zu Verherrlichung oder gleichbedeutend zur Glorifizierung. Denken Sie nur an einen Sportler, der bei den olympischen Spielen eine, vielleicht sogar mehrere Goldmedaillen gewinnt. Sogleich wird er glorifiziert, und sämtliche frühere Misserfolge des Sportlers, die selbstverständlich zu einem Sportlerleben dazugehören, die sind vergeben und sogar vergessen im Moment dieser Verherrlichung.

 

 

 

Hören wir nicht oft Menschen über die „gute alte Zeit“ reden. Ich habe mich schon oft ertappt dabei, meine Kindheit zu verherrlichen. Da ist vergessen, dass wir uns nach dem Krieg um den Ofen gruppiert haben, den wir mit Bockerln und altem Zeitungspapier nur wenig Wärme entlocken konnten. Ich vergesse, dass ich beinahe an einer Lungenentzündung gestorben wäre. Ich denke nicht an die Unterernährung, an der ich gelitten habe. Damals war das alles Standard dieser Zeit; ich habe als Kind nichts vermisst. Heute spreche ich, im Anblick vieler unzufriedener, krankhaft süchtiger Kinder, von meiner glücklichen Kindheit. Das ist nichts andres als Verherrlichung.

 

 

 

Freilich – wir wären nicht Menschen, wenn wir nicht auch gegenteilig reagierten – es gibt auch die Verteufelung. Und da sind wir genauso radikal wie mit der Verherrlichung. Hitler gilt als das wahrhaft Böse. Kannte er nicht die Liebe? Und wenn es nur die zu seinem Hund gewesen war. Ich will diesen Menschen keineswegs in ein gutes Licht rücken, schon gar nicht damit verherrlichen. Ich will nur sagen, dass es, so wie es das absolut Gute auch das absolut Böse nicht gibt.

 

 

 

Was treibt uns an – manchmal zum Glück – negative Erlebnisse auszublenden, oder besser gesagt: Mit vielen positiven zu überblenden. Wir leben schon einmal in und mit der Dualität. Doch eine innere Kraft treibt uns an, aus der Dualität ausbrechen zu wollen, ich nenne das Ursehnsucht.

 

 

 

Manchmal, denke ich, zieht uns dieser magische winzige Punkt mit einer uns unbekannten Kraft an. Dieser Punkt, in dem das gesamte Universum vor Milliarden Jahren gebündelt war, bis Er es im Urknall freigegeben hatte. Dieser Punkt ist singulär; es gab nur diesen einen. Könnte es sein, dass diese Sehnsucht mit dem Verlassen des Paradieses zu tun hat? Könnte es sein, dass eine Urkraft von Gott ausgeht, die uns an ihn anzieht?

 

 

 

Das führt mich zum Begriff Erbsünde. Augustinus von Hippo (354-430) formulierte diesen Begriff, den er auf den Sündenfall Adams zurückführte. Sein Gegenspieler, der britische Mönch Pelagius (350-420) war der Auffassung, dass jeder Mensch auch ohne Sünde sein kann und sprach von Selbsterlösungsmöglichkeit. Im Konzil von Ephesos, 431, setzte sich die Meinung des Augustinus durch. Das Konzil von Trient erklärt, dass der Mensch erbsündig zur Welt kommt, dieser Zustand mit der Taufe getilgt ist. Irgendwie kommen wir Menschen mit Sünde, dem Bösen wie dem Guten nicht ganz klar.

 

 

 

Doch wir sehnen uns nach Klarheit. Jeder von uns. Von alters her will die Wissenschaft Vorgänge verstehen. Wenn wir uns vor Augen führen, dass die Relativitätstheorie und die Quantenphysik in Bereiche vorgedrungen sind, und die Beziehungen und Auswirkungen physikalisch einordnen können, die ein Normalsterblicher kaum verstehen kann, dann müssen auch diese Genies zugeben, letztendlich vor einem großen Rätsel zu stehen. Ich kann Kräfte erkennen und sagen, wie sie wirken und welchen Einfluss sie nehmen, aber ich kann nicht sagen, warum es sie gibt und wie sie entstanden sind.

 

 

 

Unsre Sehnsucht nach dem ewigen Leben ist dieser Urkraft geschuldet. Nicht erst seit Jesus, schon seit es Menschen gibt, ist sie da diese Sehnsucht, und sie wird bewiesen durch die Grabbeigaben.

 

 

 

Verherrlichung, das Aus- oder Überblenden alles Bösen durch das Gute führt zu einer Pseudosingularität, da es Singularität für den Menschen nicht geben kann. So wurde in unsrer religiösen Tradition die Passion Jesu zu dessen Verherrlichung in der glorreichen Auferweckung durch Gott im Herzen einer einzigen Person. Vergessen ist alles Leid davor, ich sehe nur mehr den strahlenden Held. Verherrlichen kann ich nur die Singularität selbst, und die ist Gott.

 

 

 

Wer Dank opfert, verherrlicht mich und bahnt einen Weg, ihn werde ich das Heil Gottes sehen lassen. (Ps 50, 23) Im Hebräischen bedeutet „verherrlichen“ Kraft oder Gewicht geben. Gott zu verherrlichen bedeutet, ihn wichtig zu nehmen, ihm also Gewicht zu geben. Für Jesus war Gott wichtig, und Jesus gibt Gott ein unendlich großes Gewicht. Wie ist das bei mir?

 


Vorwort und archivierte Kommentare

Unter Homiletik versteht man die Kunst des Umgangs mit den Mitmenschen. Wenn unter zweien oder mehreren nur einer aktiv sein darf, und alle andren passiv sein müssen, ist es wahrlich eine Kunst, so viel zu geben, dass alle andren zumindest zu hoher geistiger Aktivität angeregt werden, wenn sie schon nicht mitsprechen dürfen.

 

Die folgenden Beispiele sind zwar „ non praedicato“, weil wir unter „praedocato“ (Predigt) die Rede im Rahmen einer religiösen Feier verstehen.

 

In meiner Tätigkeit als jener, der die Messgesänge mit seinem Orgelspiel begleitet; meist auch übertönt, habe ich, da ich in dieser Funktion nicht geistig an der heiligen Handlung teilnehmen kann, die Möglichkeit, die Teilnehmer der Messe während meiner „dienstfreien Zeit“, ausreichend zu beobachten; besonders während der Predigt von Priester oder Diakon.

 

Spätestens nach drei Minuten kehrt Langeweile bei den Zuhörern ein. Sie schauen sich im Kirchenraum um, führen leise Gespräche mit den Nachbarn, blättern im Gebetbuch oder starren sichtbar geistig abwesend Löcher in die Luft.

 

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die praedicato immer einen kaum machbaren Spagat darstellen muss; zu diffizil sind die Bedürfnisse, die religiösen Kenntnisse oder Anschauungen und die kognitiven Fähigkeiten der „Zuhörer“. Was eine gute Predigt meiner Meinung nach ausmacht, ist dass sie geistige Reaktionen auslöst. In der Musik spricht man von einem Ohrwurm, einer Melodie, die man nicht aus seinem Kopf heraus bekommt. Dazu muss eine Predigt auch ein gewisses Maß an Provokation beinhalten, dennoch darf die Dosis nicht zu hoch sein. Um dies zu veranschaulichen, möchte ich in diesem Vorwort zwei Predigten gegenüberstellen.

 

Ein Priester geht in seiner Predigt zu Weihnachten auf das Evangelium ein. Er erzählt davon, wie die Jungfrau Maria Jesus geboren hatte, ohne anzumerken, wie das möglich sei, dass eine Frau ohne Verletzung ihrer Jungfernschaft gebiert. Er berichtet von den Sterndeutern und vom bösen Herodes, der sie zur Flucht zwingt. Natürlich schmückt er die ganze Sache künstlerisch aus und endet mit einem Lobpreis auf Gott, der dies alles möglich gemacht hat. Es ist eine wunderschöne Predigt. Die Schäfchen horchen andächtig zu, obwohl sie diese Geschichte schon oft und oft gehört haben. In ihren Köpfen laufen die biblischen Szenen wie in einem kitschigen US-Film ab. Alle sind zufrieden. Doch hat es ihnen etwas gebracht, eine geistige Weiterentwicklung, ein Nachdenken über den biblischen Text, der beinahe zweitausend Jahre alt ist.

 

Ein andrer Priester predigt zum selben Thema folgendes: Liebe Pfarrgemeinde! Wie oft haben Sie dieses Evangelium schon gehört? Wussten Sie, dass der Schreiber des Markusevangeliums, etwa 40 Jahre nach Jesu Tod, also fast 70 Jahre nach Jesu Geburt, diese mit keinem Wort erwähnt? Was wollte Matthäus mit dem Bericht von Jesu Geburt? (Nach so vielen Fragen rotiert es in den Köpfen der Zuhörer und sie fragen sich, worauf der Priester hinaus will.) Matthäus hält sich sehr an die Darstellung des Markus, doch er wollte aus freien Stücken mit dem Anfang Jesu Lebens beginnen; das Markusevangelium vervollständigen, was doch logisch ist. Die junge Frau, Maria, bekommt also ein Kind. Die Umstände sind nicht zu verstehen, doch darum geht es dem Schreiber gar nicht. Was der Evangelist uns sagen will ist, dass sein Herr Jesus für ihn etwas ganz Besonderes ist. Die Einzigartigkeit dieses Jesus soll hinter den Zeilen zum Ausdruck kommen. Und der Evangelist möchte seine Auffassung von der Besonderheit Jesu von weisen Leuten, den Sterndeutern, legitimieren lassen, wenn er sie fragen lässt, wo der neugeborene König der Juden sei. Doch er setzt noch eins drauf. Sie bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe. Es ist kein Schaf oder ein Kinderbettchen, kein Kinderkleidchen oder ein warmes Fell. Nein, es sind diese Dinge, und die sind symbolisch zu verstehen. Gold, Weihrauch und Myrrhe sind Heilmittel. Gold verstärkt die Reparaturfähigkeit der Zellen, Weihrauch und Myrrhe wirken antibakteriell und desinfizieren. Matthäus wählt genau diese drei Substanzen. Vielleicht will er damit auf die kommende Funktion dieses Jesus hinweisen; ein Heiler, ein Heiland. Schließlich lässt der Evangelist den Herodes eifersüchtig werden und schafft so einen Gegenpol zu Heiland, nämlich den Vernichter. Das Gute muss fliehen, aber es kehrt als Sieger zurück. Den Bösen zerfressen Würmer bei lebendigem Leib. Auch die Israeliten kamen als Sieger aus Ägypten in ihr gelobtes Land. Der Evangelist, der erst im Jahre 80 seine Schrift abzufassen begonnen hat; hatte er damals wirklich Kenntnis von Jesu Geburt? Wenn wir annehmen, dass Maria etwa 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein wird, als sie gebar – und das war im Jahre 6 vor unsrer Zeitrechnung; wir zählen ja von 0 weg, obwohl Jesus ungefähr sechs Jahre früher zur Welt gekommen ist - dann müsste die Mutter Jesu damals nahezu 100 Jahre alt gewesen sein, als der Evangelist an seiner Frohbotschaft schrieb. Josef als Berichterstatter fällt überhaupt aus. Also waren es Geschichten, die von einer Generation auf die andre weitergegeben wurden, von denen keiner mehr sagen konnte, ob sie wahr oder falsch seien. So müssen wir die Geburt Jesu in den Mythenschatz der Menschheit einordnen. Seien wir dankbar und froh, dass wir diesen Mythos haben, der uns ein Weihnachtsfest mit leuchtenden Kinderaugen und einem hoffentlich fröhlichen Gemüt vieler Christen beschert hat.

 

Hat der zweite Priester seine Zuhörer aus einer Illusion geholt, oder hat er ihnen die Freiheit gelassen, sich weiterhin mit Freude ihrem Mythos hinzugeben?

 

Die Bibel birgt einen wahren Weisheitsschatz, den in seinem Umfang kein einziges Buch auf diesem Planeten übertrifft. Doch müssen wir beim Lesen immer auf den Subtext achten, also darauf schauen, was sich hinter den Zeilen verbirgt. Genau das ist es, was mich als theologischen Laien bewogen hat, Evangeliumskommentare aufzuschreiben. Vielleicht ist es gerade von Vorteil, dass ich nicht gebildet, von einer dogmatischen Lehre nicht verformt bin. Zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich auf das Folgende keinerlei Wahrheitsanspruch stelle: Es ist meine Wahrheit.

 


1. Fastensonntag - Mk 1, 12 und 13

 

Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.

 

Vielleicht ist jemand unter Ihnen gerade 40 Jahre alt. Ich will heute auf die Symbolik der Zahl 40 eingehen.

 

Da stand er auf, aß und trank und wanderte durch diese Speise gestärkt vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. Dort begegnete Elija dann Gott, der nicht im Sturm oder Feuer sondern in einem sanften Säuseln zu ihm kommt. Wir wissen, dass die Israeliten nach dem Auszug 40 Jahre durch die Wüste gewandert waren bis sie das Gelobte Land erreichten. Mose verbrachte 40 Tage auf dem Sinai, wo ihm Gott die zehn Gebote verkündete. Die Sintflut soll 40 Tage gedauert haben. Jesus fastete 40 Tage in der Wüste, bevor er nach Jerusalem zog. Nach biblischem Bericht erschien Jesus 40 Tage lang seinen Jüngern. Die Zeit zwischen Weihnachten und dem 2. Februar, aber auch vom Aschermittwoch bis zum Palmsonntag entspricht genau 40 Tagen.

 

Astronomisch gesehen verschwinden die Plejaden 40 Tage hinter der Sonne.

 

Die astronomisch geschulten Ägypter hielten die Zahl heilig und fasteten 40 Tage, da Osiris 40 Tage unerkannt geblieben war. Mohammed empfing im Alter von 40 Jahren seine Visionen, 40 Tage dauert im Islam die Gedenkzeit nach dem Tod eines Angehörigen, weil 40 Symbol für Tod und Verwandlung ist.

 

Der griechische Dichter Hesiod (ca 700 vuZ) besingt die 40 so: Da strömt von unermüdlich Lippen 40 ihnen der süße Gesang. Somit ist die 40 schon lange Zeit eine symbolbehaftete Zahl.

 

Unter gestressten Managern ist es in letzter Zeit zur Gewohnheit geworden, längere Zeit ein Kloster aufzusuchen, um zu schweigen und zu meditieren. Wir suchen die Stille nach der Hektik des Alltags. Wer dies nicht schafft, wird irgendwann outburnen, ausbrennen; die Kraft des Akkus ist versiegt. Was dann?

 

Wer schon einmal in der Wüste war, möglichst nicht mit einer Reisegruppe, wer erlebt hat wie Milliarden Sterne den Himmel erhellen, dem kann dies ungeahnte Energie zurückbringen; seelische und geistige. Brauchen wir auch einen Satan dazu? Wir brauchen ihn wohl nicht zusätzlich, weil der ohnehin in uns schlummert. Und so wie wir das Gute reflektieren, so werden wir es auch mit dem Bösen machen. Da können wir lernen, mit dem Notwendigsten auszukommen, mit den vorhandenen Ressourcen hauszuhalten. Das und die Einsamkeit kann auch Angst machen. Eine nicht zu unterschätzende Kraftquelle ist das Gebet, und dann ist es, als ob Engel uns beschützten.

 

Das alles erlebt nach Schilderung des Autors Jesus in der Wüste. Er weiß, dass er sich für keinen leichten Weg entschieden hat, und er ahnt gleichsam, was auf ihn zukommt.

 

Zur Kraftquelle „Gebet“ möchte ich Ihnen von einem Erlebnis erzählen, welches ich vor einigen Sonntagen während der Heiligen Messe hatte. Ich bete oft und bete frei, während ich dem gemeinsamen Gebet lieber aus dem Weg gehe. Am Vaterunser komme ich da nicht vorbei. So konzentriere ich mich ganz besonders, schaue auf das Auge im Dreieck über unsrem Altarbild und bete mein Vaterunser. An diesem Sonntag war etwas anders als sonst. Ich spürte auf einmal, wie Gänsehaut meinen gesamten Körper überzog und ihn mit einem eigenartigen Prickeln erbeben ließ. Mein Herz schien zerspringen zu wollen. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, flossen Tränen über meine Wangen. Was war nur geschehen? Nur kurz flammte diese Frage in mir auf, denn schon hatte ich die Antwort gefunden: Ich habe mit Gott gesprochen. Sie werden jetzt nichts Besonderes daran finden; mit Gott sprechen wir in jedem Gebet. Ja, aber da war es mir, als stünde ich vor der Allmacht, so wie Mose am Berg Sinai, und sagte: Bitte, lieber Gott, bündle dein Licht in mir, lass mich eins sein mit dir und deiner ganzen Schöpfung. Gib mir Einsicht und führe mich auf der Lebensbahn, die du für mich vorgesehen hast. Hilf mir, wenn ich davon abweichen will. Danke, mein Gott! Amen.

 

Ich denke, zumindest an diesem Tag bin ich auf Gottes Wegen – sofern ich das selbst beurteilen kann – gewandelt. Ja, es hat eine ungeheure Kraft, das Gebet.


Zweiter Fastensonntag

Joh 2, 13-25

 

Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: <Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.> Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.

 

Der Gegensatz zum Evangelium des vorigen Sonntags kann wohl nicht größer sein. Es ist die typische Frohbotschaft des Johannes-Autors. Der erste Teil ist ja noch eine Beschreibung; die Erzählung einer unglaublichen Geschichte, die wir bei Markus, Matthäus und Lukas ebenso finden. Jesus ist zornig über das Feilschen im Tempel, das mit Gottesnähe überhaupt nichts zu tun hat. Keine Opfer will Gott sondern Liebe; Liebe ihm gegenüber und gegenüber unsren Mitmenschen.

 

Ein kurzer historischer Überblick. Die Israeliten waren 40 Jahre lang Nomaden in der Wüste. Es war ein weiterer langer Weg (250 Jahre), bis sich so etwas wie ein Staatsgefüge gebildet hatte, das mit König Saul (1000 vuZ) begann. Den Tempel bekamen sie erst unter König Salomo (930 vuZ), wobei das salomonische Reich nach dessen Tod in das Nordreich Israel und das Südreich Juda zerfiel.

 

 Das Tempelwesen entwickelte sich auch allmählich. Jerusalem war sozusagen der Wallfahrtsort der Israeliten. Um Gott gnädig zu stimmen, mussten sie im Tempel ihre Opfer bringen. Und davon lebte die gesamte Stadt. Die Händler durften jedoch kein Geld für ihre Opfertiere annehmen. Es musste eingetauscht werden gegen das Tempelgeld. Das Opfergeld war eine Kryptowährung. Wir können uns vorstellen, dass einer, der dieses für die gesamte Stadt lukrative Gefüge stört, mit Verfolgung zu rechnen hat. Das ist auch der Grund, warum die Synoptiker Markus, Matthäus und Lukas diese „Tempelgeschichte“ vor der Leidensgeschichte einordnen. Johannes macht das aus einen gewissen Grund nicht, den ich später erläutern möchte.

 

Jesus sieht den Tempel tatsächlich als das Haus Gottes, einen Ort der Begegnung mit dem Schöpfer des Alls. Er hat erkannt, dass diese Opfer reine Heuchelei sind, Jerusalem sich gleichsam wie eine Hure prostituiert, und das unter dem Deckmantel „Opfer für Gott“. Ob Jesus nun tatsächlich dort im Tempel körperliche Gewalt angewendet hat oder nicht, ist nicht von Bedeutung. Dass er gegen diese historisch gewachsenen Praktiken gewesen sein wird, ist leicht zu erkennen, denn diese sind mit seiner Lehre von der Liebe nicht kompatibel. Wie würde Jesus reagieren, wenn er heute nach Lourdes käme?

 

Um diesen tatsächlich entscheidenden Moment, wo es zum offenen Bruch zwischen dem Wanderprediger Jesus und der religiösen Führung des Judentums mit all ihren Anhängseln gekommen war, dokumentarisch zu verstärken, lässt Markus Jesus handgreiflich werden. Er wird mit seiner Darstellung zum Vorbild für die andren Evangelisten. Eindeutig ist dem Autor des Markusevangeliums gelungen, einen entscheidenden Augenblick in Jesu Leben zu beschreiben. Was macht Johannes daraus?

 

Zuerst einmal ist es ihm wichtig, diese Begebenheit vorwegzunehmen. Für die spätere Kirche war dies über Jahrhunderte der Beweis, dass Jesus kein Jude gewesen sein soll; Jesus stellte sich von Anfang an gegen die jüdische Religionsgemeinschaft. Also bereits im zweiten Kapitel steht die Händlervertreibung.

 

Die zweite Botschaft ist – und das ist typisch für Johannes – Jesus ist im Besitz göttlicher Macht. Er kann alles, weil er Gott ist. Gib uns ein Zeichen!, rufen die Juden. Immer wieder ist im Alten Testament von Zeichen die Rede, die nur der wahre und einzige Gott setzen kann. Gott schickt Erdbeben, Krankheiten, schickt Feuer vom Himmel, … Lässt Johannes Jesus aber ein Zeichen setzen? Nein, Jesus sagt beim Evangelisten, er werde den Tempel niederreißen und in drei Tagen aufbauen. Das ist kein Zeichen, kein Beweis; es ist eine in den Augen der Juden nicht belegbare Behauptung. Nicht so für den Autor, der Jesu Aussage als Metapher sieht und feststellt: Jesu Leib ist der Tempel, der in drei Tagen zum Leben auferstehen wird. Johannes ist eben nicht der Biograph Jesu; er ist ein Katechet. Und immer wenn Johannes etwas sagt, was für ihn logisch für andre jedoch unglaublich ist, verlangt er kategorisch: Das musst du mir glauben. Nach der Auferstehung erinnern sich Jesu Jünger, dass ihr Rabbi dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. Aber ich, Johannes, habe dies aufgezeichnet, und das habt auch ihr mir zu glauben.

 

Woran glauben Sie? Sollen wir Johannes glauben oder gilt unser einziger Glaube der Singularität, der einzigen Wahrheit, Gott? Können wir beiden glauben? Einfach zum Nachdenken!

3. Fastensonntag

Joh 2, 13-25

 

Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: <Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.> Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.

 

Der Gegensatz zum Evangelium des vorigen Sonntags kann wohl nicht größer sein. Es ist die typische Frohbotschaft des Johannes-Autors. Der erste Teil ist ja noch eine Beschreibung; die Erzählung einer unglaublichen Geschichte, die wir bei Markus, Matthäus und Lukas ebenso finden. Jesus ist zornig über das Feilschen im Tempel, das mit Gottesnähe überhaupt nichts zu tun hat. Keine Opfer will Gott sondern Liebe; Liebe ihm gegenüber und gegenüber unsren Mitmenschen.

 

Ein kurzer historischer Überblick. Die Israeliten waren 40 Jahre lang Nomaden in der Wüste. Es war ein weiterer langer Weg (250 Jahre), bis sich so etwas wie ein Staatsgefüge gebildet hatte, das mit König Saul (1000 vuZ) begann. Den Tempel bekamen sie erst unter König Salomo (930 vuZ), wobei das salomonische Reich nach dessen Tod in das Nordreich Israel und das Südreich Juda zerfiel.

 

Das Tempelwesen entwickelte sich auch allmählich. Jerusalem war sozusagen der Wallfahrtsort der Israeliten. Um Gott gnädig zu stimmen, mussten sie im Tempel ihre Opfer bringen. Und davon lebte die gesamte Stadt. Die Händler durften jedoch kein Geld für ihre Opfertiere annehmen. Es musste eingetauscht werden gegen das Tempelgeld. Das Opfergeld war eine Kryptowährung. Wir können uns vorstellen, dass einer, der dieses für die gesamte Stadt lukrative Gefüge stört, mit Verfolgung zu rechnen hat. Das ist auch der Grund, warum die Synoptiker Markus, Matthäus und Lukas diese „Tempelgeschichte“ vor der Leidensgeschichte einordnen. Johannes macht das aus einen gewissen Grund nicht, den ich später erläutern möchte.

 

Jesus sieht den Tempel tatsächlich als das Haus Gottes, einen Ort der Begegnung mit dem Schöpfer des Alls. Er hat erkannt, dass diese Opfer reine Heuchelei sind, Jerusalem sich gleichsam wie eine Hure prostituiert, und das unter dem Deckmantel „Opfer für Gott“. Ob Jesus nun tatsächlich dort im Tempel körperliche Gewalt angewendet hat oder nicht, ist nicht von Bedeutung. Dass er gegen diese historisch gewachsenen Praktiken gewesen sein wird, ist leicht zu erkennen, denn diese sind mit seiner Lehre von der Liebe nicht kompatibel. Wie würde Jesus reagieren, wenn er heute nach Lourdes käme?

 

Um diesen tatsächlich entscheidenden Moment, wo es zum offenen Bruch zwischen dem Wanderprediger Jesus und der religiösen Führung des Judentums mit all ihren Anhängseln gekommen war, dokumentarisch zu verstärken, lässt Markus Jesus handgreiflich werden. Er wird mit seiner Darstellung zum Vorbild für die andren Evangelisten. Eindeutig ist dem Autor des Markusevangeliums gelungen, einen entscheidenden Augenblick in Jesu Leben zu beschreiben. Was macht Johannes daraus?

 

Zuerst einmal ist es ihm wichtig, diese Begebenheit vorwegzunehmen. Für die spätere Kirche war dies über Jahrhunderte der Beweis, dass Jesus kein Jude gewesen sein soll; Jesus stellte sich von Anfang an gegen die jüdische Religionsgemeinschaft. Also bereits im zweiten Kapitel steht die Händlervertreibung.

 

Die zweite Botschaft ist – und das ist typisch für Johannes – Jesus ist im Besitz göttlicher Macht. Er kann alles, weil er Gott ist. Gib uns ein Zeichen!, rufen die Juden. Immer wieder ist im Alten Testament von Zeichen die Rede, die nur der wahre und einzige Gott setzen kann. Gott schickt Erdbeben, Krankheiten, schickt Feuer vom Himmel, … Lässt Johannes Jesus aber ein Zeichen setzen? Nein, Jesus sagt beim Evangelisten, er werde den Tempel niederreißen und in drei Tagen aufbauen. Das ist kein Zeichen, kein Beweis; es ist eine in den Augen der Juden nicht belegbare Behauptung. Nicht so für den Autor, der Jesu Aussage als Metapher sieht und feststellt: Jesu Leib ist der Tempel, der in drei Tagen zum Leben auferstehen wird. Johannes ist eben nicht der Biograph Jesu; er ist ein Katechet. Und immer wenn Johannes etwas sagt, was für ihn logisch für andre jedoch unglaublich ist, verlangt er kategorisch: Das musst du mir glauben. Nach der Auferstehung erinnern sich Jesu Jünger, dass ihr Rabbi dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. Aber ich, Johannes, habe dies aufgezeichnet, und das habt auch ihr mir zu glauben.

 

Woran glauben Sie? Sollen wir Johannes glauben oder gilt unser einziger Glaube der Singularität, der einzigen Wahrheit, Gott? Können wir beiden glauben? Einfach zum Nachdenken!

4. Fastensonntag

Joh 3, 14-21

 

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den einzigen Namen seines Sohnes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

 

 

 

Soll einer zu dieser Bibelstelle seinen Kommentar abgeben, wird sein erster Gedanke sein – außer er ist ein orthodoxer Hardliner: Flucht! So überlegte auch ich, auf den Epheserbrief oder, noch geschickter, auf die heutige Bibelstelle im Alten Testament auszuweichen, die beide vom stetigen Bemühen Gottes berichten, seine Menschenkinder zum guten Handeln zu bewegen, indem er ihnen Propheten schickt. Aber nein, ich stelle mich der Herausforderung!

 

 

 

Zuerst kurz zu der Schlange, von der wir zu Beginn des Evangeliums gehört haben. Im Buch Numeri (21, 6-9) erfahren wir, dass Gott den sündigen Israeliten zur Strafe bissige Schlangen geschickt hatte. Doch Gott straft nicht nur sondern verzeiht denen, die bereuen. So weist er Mose an, eine Schlange aus Kupfer oder Bronze anfertigen und aufstellen zu lassen. Jeder, der gebissen wurde, konnte beim Blick auf die Kupferschlange gesund werden. Die Schlange Evas war für die Israeliten der Inbegriff des Bösen, der gefallene Engel Luzifer, der Satan. Die Schlange beißt einen, das ist die Metapher für einen Menschen, der sich zum Bösen hinreißen hat lassen, aber die Erhöhung, das Erkennen des kupfernen Abbildes auf Gottes Geheiß, kann ihn retten, weil die Kupferschlange nicht böse sein kann.

 

 

 

Der Evangelist vergleicht dieses „heilende Kunsttier“ mit Jesus. Wer ihn erkennt, kann gerettet werden. Daran ist nichts auszusetzen. Wir Menschen sind immer auf Heilung angewiesen. Doch gleich verfällt Johannes in seine Motivation, einen Katechismus  zu schreiben und nicht einen Lebensbericht über Jesus. Wahrscheinlich denkt er: Das haben viele vor mir getan, ich will es anders machen. Durch die Vermischung von biographischen Elementen mit Lehrinhalten wurde Johannes zu den Evangelisten gerechnet. Ich sähe ihn lieber in die Reihe der paulinischen Briefe eingeordnet.

 

 

 

Sie werden sicherlich fragen: Warum regt sich der so auf; er macht doch dasselbe und kommentiert? Ja, Sie haben Recht, doch verlange ich von niemandem, meinen Kommentar „kommentarlos“ als Wahrheit anzunehmen. Johannes tut dies wohl, wenn er immer wieder den Glauben für sein Zeugnis verlangt: Und wer dies gesehen, der kann es bezeugen, und sein Zeugnis ist wahr. Wir alle kennen diese Johannesworte.

 

 

 

Dass für Johannes Jesus der Menschensohn ist, ein Mensch, den Gott geschickt hat, deckt sich ganz mit meiner Meinung. Ich weiß nicht wie oft ich, und sicherlich auch Sie, schon oft „Dich schickt der Himmel“ zu jemand andrem gesagt haben, der uns aus einer misslichen Lage befreit hat. Manchen verunglückten Bergkameraden haben wahrlich die Retter geborgen, die vom Himmel mit dem Hubschrauber gekommen waren. Ich möchte bei diesem simplen Beispiel bleiben.

 

 

 

Ich bin der Verunglückte, und da kommt der Hubschrauber des ARBÖ. Kaum, dass sich die Männer abgeseilt haben, winke ich ab und erkläre ihnen, dass ich nur von ÖAMTC -Männern gerettet werden will. Was hat das mit dem Evangelium zu tun?

 

 

 

Genau das sagt aber Johannes: Nur wenn du dem Gottessohn glaubst, kannst du gerettet werden. Nur Jesusglaube schenkt dir das ewige Leben. Was ist mit einem gläubigen Juden, einem gläubigen Moslem? Ist diese Frage berechtigt?

 

 

 

Was hat den Autor des Johannesevangeliums – etwa 70 Jahre oder zwei Generationen nach Jesu Tod – dazu bewogen, dies so radikal von seinen Lesern zu verlangen? Evangelien wurden geschrieben, weil die Zeitzeugen kaum mehr am Leben waren, die mündliche Überlieferung immer ungenauer und mythenanfälliger geworden war. Es gab wohl die Spruchsammlungen aus den ersten Jahrzehnten, doch müssen wir bedenken, dass die Kreuzigung Jesu kein epochales Ereignis war. Wichtig, aber mehr noch freilich die Auferweckung, war dies für nur jene kleine Schar von Jesusanhängern. Wir müssen uns vor Augen halten, dass wir über Kaiser Augustus von dessen noch so kleinen Bedürfnissen mehr wissen als von einem Mann, der Jesus hieß. Zu der Zeit als das Johannesevangelium geschrieben wurde, war die Trennung der neuen Religion vom Judentum bereits eklatant. Und so fördert dieser Johannes, wer immer das war, dieses Schisma, indem er behauptet: Wir haben das ewige Leben in Christus, die bösen Juden und alle andren nicht.

 

 

 

Im Kontext zu dieser Zeit ist das gut zu verstehen. Doch hat Johannes damit unbeabsichtigt die Saat zum Judenhass, zur Verachtung der Heiden gelegt und seiner Religionsgemeinschaft jene Last auferlegt, an der sie bis heute schwer zu tragen hat, nämlich die einzige zu sein, die im Besitz der Wahrheit ist.

 

 

 

Erst das zweite vatikanische Konzil hat sich umfassend mit dieser Thematik auseinandergesetzt, und Papst Paul hat am 28. Oktober 1965 die Nostra Aetate promulgiert, in der zugestanden wird, dass durch ein Leben in der Liebe zu Gott und zu seinen Mitmenschen auch einem Menschen mit andrer Religion die Gnade ewigen Lebens bei Gott möglich ist. Weiters wird dem christlichen Antisemitismus eine Absage erteilt. Wenn auch manchmal halbherzig formuliert, bedeutete es für die katholische Kirche nach fast zwei Jahrtausenden eine Zäsur. Spät aber doch!

 

 

 

Für das ewige Leben braucht es mehr als den Taufschein. Denken wir daran!