Statement

Das Leben ist wie ein Fahrrad (Albert Einstein) Herbst 2017

Vor wenigen Jahrzehnten konnte man mit einer Pfarrzeitung noch die tatsächliche Mehrheit der Bewohner  einer ganzen Pfarre erreichen – sie landete in jedem Briefkasten, wurde nicht sofort weggeworfen und darüber hinaus auch noch sowohl von Alt und Jung gelesen.

 

Heute erhalten diese Zeitung in Brunn um 2000 Haushalte weniger als noch vor 8 Jahren, weil die Haushalte mit dem sogenannten Werbepickerl von Jahr zu Jahr mehr werden. Wir wissen durch Studien, dass die durchschnittliche Verweildauer eines Leser wenige Sekunden dauert. Bei den allermeisten Menschen wandert die Pfarrzeitung wie fast alle anderen unpersönlich adressierten Zuschriften ungelesen ins Altpapier. Die dominierende Alterschicht der Leser einer Pfarrzeitung, unabhängig von deren Qualität ist die Generation 60plus.  Lebensgewohnheiten ändern sich: Menschen unter dem Pensionsalter suchen die Termine oft nicht in der Pfarrzeitung, sondern via Homepage im Internet: unsere Pfarrhomepage www.pfarrebrunn.at hat täglich rund 50 Zugriffe, vor besonderen Feiertagen greifen mehrere Hundert Personen auf die Terminseite zu. Kostenpunkt unseres Internetauftrittes pro Jahr: 35 Euro. Der Kostenpunkt für unsere Pfarrzeitung pro Jahr: rund 5.000 Euro. Noch drastischer wird der Vergleich über den Zeitraum von 10 Jahren spürbar: bei einer immer stärker werdenden Nutzung durch das Internet entstehen Kosten von 300 Euro – der Druck und die Verteilung der Pfarrzeitung bei einer immer niedriger werdenden Leserschaft und steigenden Produktionskosten kommt auf rund 50.000 Euro. Der Arbeitsaufwand ist hierbei noch nicht berücksichtigt. Sie verzeihen, dass ich als für die Pfarre wirtschaftlich Verantwortlicher bei dieser Kosten-Nutzen-Rechnung mir viele Fragen stelle. Ist ein derartiger Kostenfaktor für eine Pfarrzeitung bei einer immer sinkenderen Leserschaft wirklich noch vertretbar? Oder ist es berechtigt, Gewohnheiten in Frage zu stellen?

 

Viele Tätigkeiten in unserem pfarrlichen Alltag vollziehen wir unhinterfragt, weil es immer schon so war. Dabei haben sich viele Rahmenbedingungen und Lebensgewohnheiten drastisch verändert - sowohl im beruflichen Alltag als auch im Freizeitverhalten sind die jüngeren Generationen heute viel mobiler und ungebundener. Und wir sind irritiert darüber, dass Dinge heute nicht mehr so angenommen werden wie früher. Eine exemplarische Konsequenz daraus: man kann einen über 60-jährigen ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht einfach im Verhältnis 1:1 durch einen beispielsweise 35-jährigen Mitarbeiter ersetzen. Kaum ein jüngerer Mensch ist bereit, sowohl an Christi Himmelfahrt, als auch an Pfingsten als auch zu Fronleichnam auf Kurzreisen zu verzichten. Wenn eine Tätigkeit jedoch durch ein Team von 3 bis 4 Personen übernommen wird, findet sich im Team jemand, der zu Pfingsten zu Hause bleibt und sich einbringt, ein anderer zu Himmelfahrt und wieder ein anderer dafür zu Fronleichnam. Das gilt übrigens nicht nur für die Mitarbeit in Pfarren, sondern auch in Sportvereinen, Hilfsorganisationen oder Musikgruppierungen.

 

Auch im Bereich des Freizeitverhaltens von Kindern hat sich vieles gewandelt: sind Kinder früher zu Fuß in die Schule und in wöchentliche Gruppenstunden gegangen, werden regelmäßige wöchentliche Termine rein organisatorisch (Stichwort Freizeitstress) immer schwieriger umsetzbar. Die Bereitschaft von Eltern, ihre Kinder projekt- und anlassbezogen zu Terminen zu chauffieren hingegen ist nach wie vor vorhanden. Wir werden in vielen Bereichen ganz neu denken lernen müssen und wahrscheinlich anstelle von wöchentlichen Fixterminen vieles in überschaubare Projekte zerlegen müssen. Und vieles, wohin wir derzeit unsere Energien lenken, hat mitunter wirklich (leider) ausgedient und ist nicht mehr anschlussfähig. Gleichzeitig dürfen wir aber auch erleben, dass viel Neues entsteht: Motorrad-Segnung, Kinder-Kirche, Haustiersegnung, die Gruppe der young ladies, … um nur einige wenige zu nennen. So manche Umstrukturierung ist notwendig, auch wenn sie schmerzt. Aber da sei uns ein Zitat von Albert Einstein in Erinnerung gerufen: Das Leben ist wie ein Fahrrad: man muss sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.  In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gutes Vorwärtskommen im neuen Schul- und Arbeitsjahr.

 

Kopftuch als Solidarität und Taufe unter Polizeischutz??? (Frühjahr 2017)

Bei einer Diskussionsveranstaltung in der Vertretung der Europäischen Kommission in Wien wurde der Bundespräsident von muslimischen Jugendlichen gefragt, wie er zur um sich greifenden Islamophobie steht und welche Meinung er zum Kopftuch-Urteil des europäischen Gerichts vertritt. Es fiel der vielfach zitierte Satz: „Und wenn das so weitergeht, bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Alle, als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“

 

Fast zeitgleich fand die Zulassungsfeier der erwachsenen katholischen  Taufwerber statt – erstmals nicht wie geplant, als öffentliche frei zugängliche Feier im Stephansdom, sondern vom Verfassungsschutz in die Augustinerkirche verlegt, nicht öffentlich zugänglich, unter strengen Sicherheitsauflagen und unter Polizeischutz. Der Grund hiefür: nicht wenige der Taufwerber waren muslimischen Glaubens – und im islamischen Recht stehen auf den Glaubensabfall Repressalien bis hin zur Todesstrafe. Es empört mich, dass bei uns in Mitteleuropa die Entscheidung Christ zu werden, gefährlich sein kann, unter Polizeischutz stattfinden muss und dass es darüber weder mediale Diskussion noch Solidarität von politischer Seite gibt. Und im gleichen Atemzug irritieren mich Solidaritätsbekundungen von Politikern gegenüber dem muslimischen Kopftuch und deren Schweigen im Blick auf die fundamentalere Frage, ob es ohne Gefahr für einen selbst und die Angehörigen möglich ist, den Glauben in unserem Land frei zu wählen.

 

Ich glaube es den muslimischen Kopftuch-Trägerinnen, dass sie Anfeindungen erleben. Wie auch ich und alle anderen Priester oder Ordensangehörige Anfeindungen besonders in Wien erleben, wenn wir mit dem sogenannten römischen Kollar-Kragen oder gar dem Talar unterwegs sind – das Tragen dieser Kleidung wird als abgehobenes konservatives Statement interpretiert. Ich gestehe: gerade im Winter trage ich aus praktischen Gründen bei Begräbnissen gerne einen Talar, weil es kalt ist. Ob ich anschließend damit einkaufen gehe, überlege ich mir gut. Weil das Tragen religiöser Kleidung andere Menschen provoziert und sehr oft als ein politisches Statement ausgelegt wird. Das Kopftuch wurde zwar früher auch oft in unseren Breiten getragen, jedoch aus praktischen und hygienischen Gründen. Heute wird das muslimische Kopftuch jedoch vielfach als politisches Statement oder als Zeichen der Unterdrückung wahrgenommen. Und ich gebe zu, dass es auch in mir ein  Unbehagen auslöst. Ich überlege mir sehr gut, wann und wo ich welche katholische Amtskleidung trage und versuche, auf die Empfindungen und Emotionen der Menschen um mich Rücksicht zu nehmen. Ich wünsche allen Menschen in unserem Land, dass sie ihren Glauben und ihre Kleidung frei wählen können. Ich wünsche mir aber auch, dass wir bei der Bekleidungswahl darauf Rücksicht nehmen, welche Befindlichkeiten wir in anderen Menschen damit auslösen und dass wir auf Provokationen im Sinne eines guten Zusammenlebens verzichten.

 

Von einer versorgten Kirche zur reifen Kirche (Juni 2016)

Unsere Erzdiözese ist so groß, dass sie in drei Regionen, sogenannte Vikariate unterteilt ist: die Stadt Wien, das Weinviertel und das Industrieviertel. Gemeinsam mit der Steuerungsgruppe unserer Erzdiözese bestehend aus Weihbischof Turnovszky, Generalvikar Krasa, Pastoralamstleiterin Veronika Prüller Jagenteufel, den Mitarbeitern der Stabstelle der Apostelgeschichte 2012  und einigen anderen Priestern durfte ich als Vertreter des Industriviertels im Jänner für drei Wochen auf die Philippinen reisen, um die dortige kirchliche Situation kennen zu lernen: in diesem 104 Millionen-Einwohner zählendem Inselstaat ist eine tiefe katholische Verwurzelung erlebbar, obwohl die Struktur der Kirche weitgehend ohne Priester auskommt. Für einen durchschnittlichen Bewohner am Land ist es einfach nicht finanzierbar, in die nächste Stadt zu einer Messfeier mit Priester zu fahren. Das Resultat daraus: die Menschen treffen sich, sei es in Kirchen oder in Privathäusern, um gemeinsam die Bibel zu teilen. Das bedeutet, dass die Menschen einfach die Schriftstellen des jeweiligen Sonntags miteinander lesen und sich darüber austauschen – da gibt es im Gegensatz zu so mancher Auslegung in der Predigt kein „richtig“ oder „falsch“, sondern die Menschen profitieren voneinander, indem sie sich gegenseitig erzählen, wo sie eine jeweilige Bibelpassage angesprochen hat und wie sie ausgehend von dieser Bibelstelle in ihrem bisherigen Leben eine Erfahrung mit Gott machen konnten. Das beeindruckende daran: die Kirche auf den Philippinen ist viel lebendiger als wir das bei uns erleben können, was sich auch in einem intensiven Füreinander-Da-Sein unter der Woche ausdrückt. Bei uns geschieht es sehr oft, dass Gläubige die Messfeier einfach „absitzen“ und dabei sehr passiv bleiben – das erleben wir ja oft allein schon beim Mitsingen – der Organist spielt ein Lied, der Pfarrer singt mit und sehr viele Münder bleiben geschlossen. Nicht wenige nutzen die Dauer der Predigt für einen sogenannten „liturgischen Schlaf“ und mit dem „Absitzen einer Messfeier“ ist das eigene „Christsein“ erledigt und wieder für eine Woche abgehackt. Nicht so auf den Philippinen: durch das gemeinsame Austauschen ist ein „passiv-bleiben“ nahezu unmöglich – und das für mich schönste Resultat ist, dass die persönliche Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes in der Bibel auf die Menschen Auswirkungen hat und mitunter deren ganzes Leben verändert. Christ-sein beschränkt sich damit nicht einfach auf den Gottesdienstbesuch am Sonntag, sondern wird auch im Alltag der Menschen unter der Woche spürbar. Auch in den Messfeiern mit Priestern, welche fast ausschließlich in den Städten stattfinden, steht oft nicht seine Predigt im Mittelpunkt, sondern nach dem Evangelium drehen sich die Messbesucher in Kleingruppen zusammen und halten gemeinsamen Austausch. Die einzelnen Gläubigen erkennen, dass vieles auch in ihrer Verantwortung liegt und eben nicht von der Leitung geschweige denn von der Anwesenheit eines Priesters abhängt.

 

Die Pfarrgemeinden lassen sich nicht einfach „versorgen“, sondern nehmen eine aktive Rolle ein – und es ist wirklich erstaunlich, was für ein intensives Leben sich in den kirchlichen Gemeinden ereignet. Man könnte durchaus neidisch werden.

 

Was nehme ich für mich und für unsere Pfarre Brunn mit? Dass auch wir heraus kommen sollten aus der Haltung einer „versorgten Kirche“, in der nicht wenige Menschen eine recht passive Haltung einnehmen und die Verantwortung bei einigen wenigen (oft bezahlten hauptamtlichen Mitarbeitern) liegt. Ich träume von einer „reifen Kirche“, in der sich nahezu ein jeder für die Entwicklung der Pfarre zuständig und mitverantwortlich fühlt. Es gibt so viele tolle Menschen in unserer Pfarre, denen ich es zutraue, dass sie viel Gutes einbringen können und dass durch deren Engagement eine Vertiefung und eine Intensivierung unseres Gemeindelebens gelingen kann. Ich möchte dafür jedenfalls den nötigen Freiraum geben und Mut machen, sich auf so einen Vertiefungsprozess in den nächsten Jahren einzulassen. Ihr Pfarrer Adolf Valenta

 

Bischofssynode zu Ehe, Familie und Sexualität

Am Sonntag, den 4. Oktober beginnt die Bischofssynode in Rom, wo über Ehe, Familie und Sexualität diskutiert wird und der Versuch unternommen wird, auf die Fragen der heutigen gesellschaftlichen Umstände eine Antwort zu geben. Ich persönlich erwarte mir nicht allzu viel von dieser Synode. Vermutlich werden die Bewahrer damit argumentieren, dass im Markus-Evangelium ein direktes Jesus-Wort überliefert wird, wonach der Mensch nicht trennen darf, was Gott verbunden hat (siehe Sonntagsevangelium vom 4. Oktober Mk 10,2-12) und somit keine Änderungen möglich sind. In gewisser Weise stimmt es natürlich, dass die Kirche sich über direkte Aussagen von Jesus nicht einfach darüber hinweg setzen kann. Allerdings macht die Kirche genau das in mehreren anderen Bereichen sehr wohl. Genau jene Bischöfe, die derart argumentieren, sprechen den Papst mit "Heiliger Vater" an, obwohl uns im Evangelium das direkte Jesus-Wort übermittelt wird, wonach man "niemand auf Erden Vater nennen soll". Ebenso im Umgang mit dem Materiellen warnt uns Jesus vielfach klar und eindeutig, Gott den ersten Platz zu geben und die Armut zu wählen - solche Aufforderungen ignoriert die Kirche als Ganze.

Ich glaube, Jesus würde heute vielen Menschen ins Gewissen reden: er würde vielen jüngeren Menschen raten, dass sie sich nicht gegenseitig so überfordern sollen und nicht so hohe Erwartungen an den Partner, die Partnerin haben sollen. Und er würde einigen Leuten sagen, dass sie nicht so schnell das Handtuch werfen sollen und aneinander weiter arbeiten sollen. Er würde aber vermutlich mit vielen Menschen auch großes Verständnis haben, die nach einem Scheitern in ihrem Lebensentwurf eine neue Beziehung und Bindung eingehen. Das Christentum ist jene Religion, die auf dem Scheitern der Sendung Jesu am Kreuz aufbaut. Folglich muss es in der Kirche nicht nur Platz geben für Menschen, die in ihren Beziehungsentwürfen gescheitert sind, sondern auch eine gute liebevolle Begleitung. Ich bemühe mich sehr darum, dass das in unserer Pfarre spürbar sein wird!


Pfarrer Adolf Valenta

Kinder in der 9.30h-Messe (Oktober 2015)

Als Pfarrer freue ich mich sehr darüber, dass in letzter Zeit Familien mit Kindern nicht nur ein mal im Monat zum Kinderwortgottesdienst kommen, sondern auch an "normalen" Sonntagen mitfeiern. In letzter Zeit ist es dabei manches mal durchaus auch "laut" zugegangen, was bei manchen Gottesdtienstbesuchern zu Beschwerden geführt hat. Nochmals bekräftige ich, dass es mich als Pfarrer freut, dass Familien mit (kleinen) Kindern mitfeiern. Wenn dabei auf die Kinder zu wenig eingegangen wird, ist es nur eine logische Folge, dass die Kinder unruhig werden. Daher wollen wir noch im Laufe des Herbsts eine neue Form entwickeln und anbieten: Nach dem Tagesgebet, bevor die Lesung beginnt, wollen wir eine kurze Unterbrechung machen und die Kinder einladen, mit der neuen Pastoralassistentin Sabine Kräutel-Höfer durch die Sakristei in die Krypta mitzukommen - die Eltern dürfen die Kinder dabei natürlich begleiten. In der Krypta wird dann wahrscheinlich die Evangelienstelle kindgerecht erzählt oder gespielt, ein Lied gesungen, vielleicht auch etwas gemalt. Die genaue Form muss sich erst noch entwickeln - wir arbeiten daran. Nach dem Wortgottesdienst kommen die Kinder dann wieder in die Kirche und nehmen gemeinsam im Kinderbereich des Presbyteriums Platz - dort können wir dann bei den weiteren Teilen der Messe besser auf die Bedürfnisse der Kinder und Kleinkinder eingehen. Bis wir diese Lösung umgesetzt haben, bitte ich um gegenseitiges Verständnis: auf Seiten der um Andacht bemühten Erwachsenen, dass sie sich ein wenig in ihrer Andacht "stören" lassen und auf Seiten der Eltern, die ihre Kinder ein wenig mehr "steuern und beruhigen".

 

Vielen Dank, Pfarrer Adolf Valenta